Willebadessen gedenkt seiner jüdischen Geschichte
Willebadessen gedenkt seiner jüdischen Geschichte
Nachfahren zu Gast beim „Haus der Ewigkeit“-
Mit einer bewegenden zweitägigen Veranstaltungsreihe ist in Willebadessen am 3. und 4. Juni 2026 ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen gesetzt worden.
Unter dem Titel „Jüdisches Leben in Willebadessen“ luden der Heimatverein „Heimatleben Willebadessen“, die Historische Gesellschaft Willebadessen und der Ortsheimatpfleger dazu ein, die jahrhundertelange Geschichte jüdischer Mitbürger sowie deren Verfolgung während des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.
Vortragsabend: Ein Brückenschlag über Generationen
Den Auftakt bildete am 3. Juni ein gut besuchter Vortrags-/Diskussionsabend, der neben dem Bürgermeister Norbert Hofnagel durch die Anwesenheit besonderer Gäste geprägt war: Henry Stern aus München und Simon Dryer aus London, beide Nachfahren der ehemals in Willebadessen ansässigen Familien Stern und Markhoff.
Beginnend mit einem Vortrag von Runa Scharlau zum „Jüdischen Leben in Willebadessen“ seit Anfang des 17. Jahrhunderts moderierte die 1. Vors. der „Historischen Gesellschaft“ Andrea Thalmeier die anschließenden Gesprächsrunde/Diskussion in der das einst tief verwurzelte Leben der jüdischen Familien in der Stadt – von ersten Anfängen bis hin zu den Kolonialwarengeschäften der Familien Stern und Mathias bzw. dem Malermeister Louis Markhoff beleuchtet wurden.
Die anwesenden Nachfahren gaben vertiefende und sehr bewegende Einblicke in das Leben Ihrer Familien. Henry Stern erzählte über das Schicksal seiner Familie, insbesondere seiner Großvaters Julius und Vaters Viktor Stern, der als einer der Wenigen die Grauen der Konzentrationslager und des Dachauer-Todesmarsches überlebte. Simon Dryer, extra aus London angereist, vertrat als Nachfahre die Familie Markhoff und trug mit zuvor unbekannten Fotografien und Erzählungen zur Veranschaulichung der Familiengeschichte bei.
Vorstellung der neuen Informationstafel am jüdischen Friedhof „Haus der Ewigkeit“
Am 4. Juni versammelten sich zahlreiche Bürger/innen und Ortsheimatpfleger Rainer Brinkmann, am jüdischen Friedhof im Schleuwersgrund. Anlass war die Vorstellung einer neuen, überarbeiteten Informationstafel.
Der jüdische Friedhof, im Judentum auch als „Haus der Ewigkeit“ (Bet ha-Olam) bezeichnet, ist ein Ort, an dem Gräber traditionell für die Ewigkeit bestehen bleiben.
Die neue Tafel ersetzt eine ältere Version (seinerzeit erstellt von Ansgar Holzknecht †/Bernhard Jacobi) und bietet nun auf größerer Fläche detaillierte Einblicke in die Schicksale der vier großen jüdischen Familien Willebadessens: Stern, Markhoff, Rosenthal und Mathias/Löwenstein.
Erinnerung als Mahnung für die Zukunft
In seiner Ansprache erläuterte Ortsheimatpfleger Brinkmann das Projekt zur Erneuerung der Informationstafel. Er betonte die Bedeutung des jüdischen Friedhofs: „Ihr Schicksal mahnt uns, wachsam zu bleiben gegenüber Hass und Ausgrenzung“. Die Tafel erläutert nicht nur die lokale Historie ab dem 17. Jahrhundert, sondern informiert auch über Regeln auf jüdischen Friedhöfen und die jüdische Bestattungskultur – etwa den Brauch, kleine Steine statt Blumen auf die Gräber zu legen, um Beständigkeit auszudrücken.
Die jüdische Gemeinde war über Jahrhunderte ein fester Bestandteil des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens in Willebadessen, sei es im Viehhandel oder durch Einzelhandelsgeschäfte wie das Kaufhaus Mathias. Diese Geschichten endete jäh durch Boykotte, Zwangsverkäufe („Arisierung“) und Deportationen in der NS-Zeit.
Digitales Gedenken und Ausblick
Um weitere, umfangreiche Informationen auch über die Tafel hinaus zugänglich zu machen, wird künftig noch ein QR-Code auf der Tafel angebracht, der auf die Webseite „Willebadessen digital“ verlinkt.
Zudem kündigte die beiden Willebadessener Vereine an, die Verlegung von Stolpersteinen vor den ehemaligen Wohnhäusern der jüdischen Familien zu planen, um die Erinnerung fest im Stadtbild zu verankern.
Die Veranstaltung endete mit zwei hebräischen Gebeten für die hier bestatteten jüdischen Bürger/innen, gemeinsamen Gedenken und dem Wunsch, dass die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Nachbarn als Fundament für eine gemeinsame, friedliche Zukunft dient.
Die anschließende Begehung des Ortskern mit Erläuterungen zu den letzten Wohnstätten der vier Familien Stern, Markhoff, Mathias und Rosenthal fiel leider teilweise dem Unwetter zum Opfer.
Dank galt insbesondere allen Unterstützern und Spendern, der Stadt Willebadessen, den Firmen Zaun-Torwerk Andreas Petker, der Mosterei Dirk Peters aber auch allen fleissisgen Helfern und Helferinnen.
Foto: Projektteam mit den Gästen vor der neuen Infotafel (von links: Simon Dryer, Rainer Brinkmann, Henry Stern, Andrea Thalmaier, Runa Scharlau und Ursula Holzknecht) Weitere Fotos/Impressionen unter Galerien auf der Website: Willebadessen digital